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Magento - Enterprise Lösung oder eierlegende Wollmilchsau? | Steireif GmbH

Geschrieben von Alexander Steireif | 09.07.2019 10:30:11

Wenn Sie in Deutschland ein E-Commerce Projekt planen, stoßen Sie früher oder später auf den Namen Magento. Bei Magento handelt es sich um eine, wenn nicht gar die populärste, E-Commerce Lösung in Deutschland. Aber nicht nur in Deutschland ist die Verbreitung von Magento enorm – auch international zählt Magento zu den führenden Webshop-Systemen.

Aufgrund der hohen Verbreitung und großen Popularität, die vermutlich in Zukunft durch die Übernahme durch Adobe zunehmen wird, fällt der Name Magento praktisch in jedem E-Commerce Projekt. Selbst wenn die Anforderungen noch nicht zu 100% klar sind – Magento landet interessanterweise immer auf der Liste potentieller Software-Lösungen.

Magento – Mythos und Realität

Meine Erfahrung sagt jedoch: Magento ist zwar ein enorm leistungsfähiges E-Commerce System, speziell die aktuelle Version 2.x eignet sich aber im Vergleich zum Vorgänger nicht für alle Anforderungen. Die Aussage, Magento könne jedes Problem im E-Commerce lösen, ist am Ende des Tages nur ein Mythos. Die Shopsoftware hat Stärken und Schwächen und eignet sich für viele Online-Shop Projekte – aber nicht für alle.

Damit Sie entscheiden können, ob Magento für Sie eine potentielle Lösung darstellt, möchte ich Ihnen im folgenden Beitrag einen Überblick an die Hand geben und die wichtigsten Dimensionen, die bei der Auswahl einer E-Commerce Lösung eine Rolle spielen, beleuchten.

Externe Betrachtung im Vergleich zur Konkurrenz

Sieger kaufen nur von Siegern. Diese Weisheit kursiert oftmals in den Chefetagen deutscher Mittelständler und KMUs. Ob dieser Grundsatz nun richtig und korrekt ist, möchte ich dahingestellt sein lassen. Wichtig ist aber definitiv die externe Bewertung der E-Commerce Lösung Magento durch Unternehmen wie beispielsweise Gartner. Und schon seit längerer Zeit ordnet Gartner Magento im Quadrant der Leader, sprich der führenden Lösungen, ein.


Magento befindet sich dabei in Gesellschaft mit anderen hochkarätigen Unternehmen wie SAP, Oracle, Salesforce, Digital River und IBM. Allein an dieser externen Betrachtung lässt sich schon ablesen, in welcher Liga Magento spielt. Es handelt sich nicht, wie noch zu Zeiten von Magento 1.x, um die Allzweckwaffe in der Online-Shop Szene. Viel mehr konkurriert die Lösung nun mit Enterprise-Lösungen wie SAP Hybris, IBM Websphere oder eben der Salesforce Commerce Cloud.

Lizenzmodell und Preise

Im Herzen von Magento schlummert immer noch die Community. Die Community, das müssen Sie zum besseren Verständnis an dieser Stelle wissen, hat Magento letztendlich groß gemacht. Gestartet ist die populäre E-Commerce Lösung nämlich als kostenfreies Open-Source Projekt. Zu Beginn von Magento, sprich vor etwas über 10 Jahren, stand der kommerzielle Aspekt nicht im Vordergrund. Im Stile klassischer Open-Source Projekte wie beispielsweise TYPO3 war Magento anfangs komplett kostenfrei nutzbar.

Im Laufe der letzten Jahre hat sich auf Basis der kostenfreien Open-Source Edition, welche nun auch ganz offiziell den Namen „Magento Open Source“ trägt, parallel eine kommerzielle Edition entwickelt. Die kommerzielle Edition setzt dabei auf die selbe Basis wie auch die kostenfreie Variante. Darüber hinaus stehen jedoch weitere Funktionen zur Verfügung – der Funktionsumfang wird also nur ergänzt, die zugrundeliegende Software entspricht jedoch zu 100% der kostenfreien Version.

Abgesehen vom erweiterten Funktionsumfang gibt es weitere gute Gründe, die kommerzielle Edition zu lizensieren. So stehen offizielle Ansprechpartner auf Seiten von Magento zur Verfügung, Bugs können dem Softwareanbieter direkt gemeldet und mit ihm diskutiert werden und Sicherheitsupdates werden den kommerziellen Nutzern wesentlich früher zur Verfügung gestellt.

Entscheidet man sich für die kommerzielle Edition von Magento, erfolgt die Lizenzierung auf Basis des jährlichen Umsatzes innerhalb des Webshops, dem durchschnittlichen Warenkorbwert und dem Verhandlungsgeschick Ihres Einkäufers. Die minimalen jährlichen Kosten liegen aber immer im mittleren fünfstelligen Rahmen, bei erfolgreichen Shops sind jedoch jährliche Lizenzkosten von mehreren hunderttausend Euro nicht unüblich. Auch hier zeigt sich die Tendenz – Magento fischt im Enterprise Becken.

Funktionsumfang

Der Funktionsumfang von Magento ist enorm – eine komplette Auflistung an dieser Stelle würde den vorhandenen Rahmen des Blog-Beitrags sprengen.

Abbildung: Standard Frontend-Design eines Magento Webshops

Grundsätzlich verfügt die Lösung, auch in der kostenfreien Open-Source Edition, über alle in einem klassischen Webshop notwendigen Funktionen. Stellen Sie sich dabei einen Online-Shop wie Zalando vor. Dieser verfügt über Kategorien, Content-Bereiche wie die Startseite, eine Produktansicht mit konfigurierbaren Produkten sowie einem optimierten Warenkorb samt Checkout-Prozess. Auch Magento bietet diese Funktionen out of the box, d.h. sie sind sofort nutzbar und müssen gegebenenfalls nur noch konfiguriert werden.

Die kommerzielle Edition ergänzt diesen sehr breiten Funktionsumfang vor allem um B2B-Funktionen wie eine Account- und Contract Struktur, einem Angebotsanfrage- und Annahmeprozess  und einer noch umfangreicheren Content-Management Funktionalität. Ob die Features der kommerziellen Edition aber tatsächlich benötigt werden, hängt wie so viele andere Fragen immer vom jeweiligen Projekt und den Gegebenheiten ab. Am Ende des Tages ist es oftmals die klassische „Make or Buy“ Frage, der Sie sich stellen müssen.

Im Vergleich zu anderen am Markt vorhandenen Lösungen, ist der Funktionsumfang sehr groß. Die Wahrscheinlichkeit, dass grundlegende Verhaltensweisen bzw. Features eines Webshops in Magento noch implementiert werden müssen, ist also äußerst gering.

Anpassbarkeit und Weiterentwicklungsmöglichkeiten

Wichtiger als der im Standard vorhandene Funktionsumfang ist in den meisten Projekten die Anpassbarkeit der auszuwählenden Lösung. Anforderungen werden in E-Commerce Projekten immer individueller und der klassische Webshop dürfte einem Unternehmen heute nicht mehr weiterhelfen. Es geht viel mehr darum, individuelle Prozesse und Anforderungen einfach abbilden zu können.

Magento unterstützt meiner Meinung nach speziell diese Anforderung in herausragender Weise. Ich spreche daher in der Regel von einem E-Commerce Framework oder einem Baukasten. Darunter verstehe ich die grundlegende Möglichkeit, einfach und schnell individuelle Anforderungen abbilden zu können, ohne den eigentlichen Kern der Software anrühren zu müssen.

Neben dem Buzzword Framework taucht seit geraumer Zeit auch das Wort „headless“ immer häufiger auf. Darunter versteht man nicht nur die grundlegende Erweiterung der Software, sondern die Möglichkeit, die Lösung via APIs, sozusagen im Hintergrund, nutzen zu können. Der Headless Ansatz ermöglicht unter anderem die tiefere Integration in externe Applikationen bzw. weiterentwickelte Lösungen. Im einfachsten Fall würde sich das E-Commerce System dann mit einem anderen User-Interface, beispielsweise einem Smart Speaker, nutzen lassen.

Cloud Fähigkeit

Lassen Sie mich abschließend noch das primär technisch orientierte Thema behandeln. Neben der Unterstützung von modernen Technologien, dem Framework Charakter und des Headless Ansatzes existiert von Magento zudem eine Cloud-Edition.

Abbildung: Magento Cloud Edition

Die Cloud Edition folgt dabei rein preislich betrachtet dem Lizenzmodell der kommerziellen Cloud Edition. Sprich mehrere Zehntausend bis Hunderttausend Euro pro Jahr an Lizenzkosten müssen budgetiert werden. Dafür kümmert sich Magento vollständig um die Infrastruktur bestehend aus Hosting, Deployment-Prozessen sowie Tools und auch Analyse-Werkzeugen. Auch eine CDN Lösung (Content Delivery Network) steht bei der Cloud Edition zur Verfügung.

Die Open-Source Edition ist hierbei komplett außen vor. Magento richtet sich bei dem Cloud-Ansatz zu 100% an die zahlenden Kunden.

Implementierungskosten

Auch wenn für Sie die Lizenzkosten wichtig sind – entscheidender sind in der Regel die Implementierungskosten. Auch wenn Sie viel für Lizenzen bezahlen, kann sich das je nach Geschäftsmodell rechnen, sofern die Implementierung Ihrer individuellen Anforderungen mit einem überschaubaren Aufwand stattfindet.

Pauschale Aussagen sind speziell im Bereich der Implementierung immer schwierig. Letztendlich hängt es von Ihrem gewählten Partner (Agentur), Ihren Anforderungen und auch Ihrem Zeitplan und Qualitätsanspruch ab. All diese Faktoren haben am Ende des Tages eine Auswirkung auf die Kosten. Um jedoch die Frage, ob sich Magento speziell an Enterprise-Kunden richtet, oder eine Lösung für die breite Masse ist, zu beantworten, möchte ich Ihnen dennoch einen groben Einblick geben.

Selbst weniger anspruchsvolle Magento 2 Projekte lassen sich so gut wie nie mit einem Budget von weniger als 100.000 Euro realisieren. Hierbei spreche ich von seriös geplanten Projekten, bei denen eine erfahrene Agentur über den Zeitraum von 3-4 Monaten das E-Commerce Projekt auf Basis von Magento plant, realisiert, testet und online stellt. Bewusst ausgeklammert sind hier Kosten und Aufwände, die bei Ihnen im Unternehmen, also auf der Seite des Auftraggebers, anfallen.

Die Summe von mindestens 100.000 Euro (Magento Projekte können initial auch problemlos 300.000 Euro bis 400.000 Euro kosten) mag zuerst sehr hoch erscheinen. Schaut man sich jedoch den Aufwand bei der Planung und Implementierung von individuellen Anforderungen und Prozessen an und berücksichtigt zudem qualitative Aspekte wie automatisierte Tests und die Dokumentation, so relativieren sich die Kosten recht schnell.

Bei der Auswahl der geeigneten E-Commerce Lösung sollte man vor allem diesen Aspekt im Hinterkopf behalten. Denn natürlich gibt es Systeme, bei denen man schneller ans Ziel kommt. Hierzu zählen beispielsweise Shopware, Shopify oder OXID. Dafür müssen Sie bei diesen Systemen aber wiederum andere Abstriche machen.

Wartungs- und Supportaufwände für Magento

Wie auch bei den Implementierungskosten ist eine konkrete Aussage über die Aufwände schwierig. Erfahrungsgemäß müssen Sie jedoch bei Magento alleine für das Hosting mit einem monatlichen Budget von 500 bis 1.000 Euro planen. Der Traffic und die im System implementierten Anforderungen spielen die hauptsächliche Rolle, wenn es um die Bestimmung der Kosten geht.

Unter den Support-Aufwänden sind vor allem regelmäßige Updates und Fehlerkorrekturen zu verstehen. Der Update-Zyklus ist bei Magento leider sehr variabel, weswegen sich die Anzahl der jährlichen Updates kaum voraussagen lässt. Sie benötigen in der Praxis aber definitiv eine Agentur mit einem fixen monatlichen Kontingent, welches Sie für Wartung und Updates nutzen können. Auf das Jahr gerechnet sollten Sie bei kleineren Magento Projekten mit ca. 24 bis 48 Tage rechnen, was wiederum 2 bis 4 Tage pro Monat entspricht.

Wichtig an dieser Stelle ist die Erkenntnis, dass Sie ein Magento System nicht einfach „laufen lassen“ können. Es erfordert eine konstante Wartung und auch Weiterentwicklung, ist also kein Selbstläufer. Diesen Selbstläufer hätten Sie beispielsweise bei Shopify, da Sie aufgrund des SaaS-Ansatzes (Software as a Service) sich weder um das Hosting noch um die Aktualisierung der eigentlichen Anwendung kümmern müssen.

Fazit – Bei welchen Projekten ist Magento sinnvoll?

Grundsätzlich hängt die Antwort auf diese Frage immer individuell vom E-Commerce Projekt und den vorhandenen Anforderungen ab. Wie Sie aber anhand der verschiedenen Dimensionen gesehen haben, lässt sich Magento definitiv dem Enterprise-Segment zuweisen, weswegen Magento eben nicht mehr die E-Commerce Allzweckwaffen ist und sich Magento eben nicht mehr für alle Webshop-Projekte gleichermaßen gut einsetzen lässt.

Zum einen, was häufig vergessen wird, besteht Magento nicht nur aus einer kostenfreien Variante, sondern eben auch aus einer kommerziellen. Der Einsatz der kommerziellen Edition ist häufig sinnvoll, weswegen Sie in diesem Fall mit Lizenzkosten von mehreren Zehntausend bis Hunderttausend Euro pro Jahr rechnen müssen. Darüber hinaus, speziell aufgrund der technischen Komplexität und des Qualitätsanspruches, ist ein Online-Shop auf Basis von Magento nicht kurz in wenigen Tagen realisiert – viel mehr handelt es sich um Projekte mit mehreren Monaten Laufzeit und entsprechenden Implementierungsaufwänden.

Zu guter letzt geht die Reise zudem immer stärker in Richtung Cloud. Die Cloud Variante wird jedoch ausschließlich kommerziellen Nutzern angeboten, wofür zwangsläufig die erwähnten Lizenzkosten fällig werden.

Machen Sie daher nicht den Fehler und schwenken Sie leichtfertig, getrieben durch die hohe Popularität und Verbreitung, auf Magento, sondern setzen Sie sich intensiv damit auseinander, ob es sich bei Ihrem konkreten Projekt um eines handelt, welches in dem besagten Enterprise-Segment spielt, oder ob aufgrund der Rahmenbedingungen und der Gegebenheiten Magento für Sie nicht in Frage kommt.

Denn Magento ist im Vergleich zu den Anfängen und der Version 1.x definitiv keine eierlegende Wollmichsau mehr, deren Einsatz sich für jedes noch so kleine Online-Shop Projekt eignet.