Von Magento auf Shopify migrieren

Von Magento auf Shopify migrieren

Wer heute noch einen Webshop auf Basis von Magento betreibt, kennt das Gefühl: Die Plattform läuft, die Anpassungen sind tief, die Abhängigkeiten sind komplex. Gleichzeitig häufen sich die Signale, dass Adobe die Richtung geändert hat. Magento bzw. Adobe Commerce bekommt kaum noch die Liebe, die man zu den Anfangszeiten so gesehen hat. Adobe adressiert klar das Enterprise-Segment mit entsprechenden Preisen, und der Supportzeitraum für ältere Versionen läuft ab. Zudem gibt es immer wieder “Aufstände” innerhalb der Community, die eine Alternativersion ableiten, Uralt Versionen selbst pflegen und damit eigentlich eines aussagen: Wir können es besser, der Weg von Adobe ist falsch.

Die Frage als Entscheider ist daher nicht mehr, ob man handeln muss, sondern welche Entscheidung man trifft. Shopify steht dabei ganz oben auf der Liste. Doch wer jetzt blind auf den Zug aufspringt, begeht einen strategischen Fehler. Denn jedes Unternehmen ist unterschiedlich und hat unterschiedliche Anforderungen. Nur weil Shopify bei Unternehmen A funktioniert, muss es nicht zwangsläufig auch in Ihrem Unternehmen eine clevere Entscheidung sein.

Shopify als Migrationsziel

Shopify hat sich in den letzten Jahren zum dominanten Player im Mittelstand entwickelt. Laut BuiltWith-Daten aus 2024 hält Shopify bei den Top 1 Million E-Commerce-Websites weltweit einen Marktanteil von rund 25 bis 28 Prozent, während Magento in seiner Kombination aus Open Source und Adobe Commerce auf etwa 7 Prozent gefallen ist. Diese Zahlen erzählen eine klare Geschichte: Abwanderung in die Cloud.

Das Versprechen ist verlockend. Keine Serverinfrastruktur, keine manuellen Updates, ein riesiges App-Ökosystem mit über 8.000 Erweiterungen und eine Plattform, die bei Shopify Plus eine garantierte Uptime von 99,99 Prozent liefert. Dazu kommen niedrige Einstiegskosten und schnelle Time-to-Market. Für viele Unternehmen klingt das nach dem Ende des IT-Schmerzes. Manchmal ist es das. Manchmal ist es der Beginn eines anderen.

Self-Hosted (On-Premises) vs. Cloud (SaaS)

Der Kern der Debatte wird in den meisten Migrations-Diskussionen sträflich vernachlässigt. Self-Hosted bedeutet: Die Software läuft auf Infrastruktur, die Sie kontrollieren. Sie entscheiden über Datenbankstruktur, Serverkonfiguration, Deployment-Prozesse und individuelle Code-Eingriffe bis auf die unterste Ebene. 

Bei Magento-Projekten ist das die Grundlage für tiefe ERP-Integrationen, komplexe Preislogiken und individuelle Checkout-Strecken.

SaaS funktioniert anders. Shopify stellt die Plattform bereit, definiert die Spielregeln und zieht die Grenzen. Was innerhalb dieser Grenzen möglich ist, das ist mächtig und gut gebaut. Was außerhalb liegt, ist nicht machbar, egal wie dringend der Geschäftsprozess es erfordert. Das klingt banal, hat aber weitreichende Konsequenzen für Unternehmen mit gewachsener Systemlandschaft.

Die Magento-Perspektive

Magento hat seinen Ruf nicht durch Zufall erlangt. Die Plattform ist ein Werkzeugkasten ohne Deckel. Komplexe Produktkonfigurationen, individuelle Rabattsysteme, mehrstufige B2B-Strukturen mit Unterkonten, kundenspezifische Preislisten: Das alles lässt sich abbilden, weil der Quellcode offen liegt und angepasst werden kann. Wer B2B-E-Commerce betreibt, weiß, was das bedeutet.

Vom ehemaligen Marktführer der "breiten Masse" zur Enterprise Lösung
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Die Kehrseite ist bekannt: Dieser Freiheit folgt Verantwortung. Updates müssen manuell eingespielt werden. Die National Vulnerability Database listet für Magento und Adobe Commerce regelmäßig kritische Sicherheitslücken, die sofortiges Eingreifen erfordern. Hosting, Skalierung und Performance bei Lastspitzen liegen in der Hand des Unternehmens und seines Dienstleisters. Das kostet Zeit, Geld und interne Ressourcen, die viele Mittelständler nicht mehr aufwenden wollen.

Die Shopify-Perspektive

Shopify löst genau diese Schmerzpunkte. Sicherheits-Patches werden automatisch und zentral eingespielt. Die Infrastruktur skaliert ohne manuelles Zutun. Der Shopify-Ansatz ist darauf ausgelegt, dass ein mittelständisches Unternehmen keinen dedizierten Plattform-Entwickler beschäftigen muss, um den Betrieb stabil zu halten.

Das Ökosystem funktioniert standardisiert. Apps kommunizieren über definierte APIs, was die Kompatibilität erhöht und Entwicklungszeit reduziert. Branchenberichte sprechen von 30 bis 60 Prozent weniger Entwicklungsaufwand für neue Features im Vergleich zu individuellen On-Premises-Projekten. Für Unternehmen mit überschaubarer Komplexität und klarem Wachstumspfad ist das ein echter Vorteil. Die Frage ist, ob Ihr Unternehmen in dieses Profil passt.

Speziell der Dropshipping Hype hat Shopify zum Marktführer gemacht
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Gesamtkostenbetrachtung (TCO)

TCO ist der Begriff, der in diesen Diskussionen meistens falsch berechnet wird. Eine Forrester-Studie im Auftrag von Shopify zeigt, dass Unternehmen beim Wechsel von Legacy-Systemen zu SaaS die Gesamtbetriebskosten über drei Jahre um 20 bis 50 Prozent senken können. Das klingt überzeugend. Die Grundlage dafür ist jedoch der Wegfall von Serverkosten und manuellen Sicherheits-Updates, also Faktoren, die bei einer sauber betriebenen Magento-Installation bereits einkalkuliert sind.

Was Shopify in der TCO-Rechnung nicht zeigt: Die Kosten für Anpassungen, die auf der Plattform nicht nativ möglich sind. Middleware, Workarounds, Drittanbieter-Schnittstellen für Prozesse, die in Magento direkt im Code lebten, das summiert sich. Hinzu kommen die Transaktionsgebühren, wenn kein Shopify Payments genutzt wird, sowie die laufenden App-Kosten, die mit dem Wachstum des Shops skalieren. Eine ehrliche TCO-Analyse muss beide Seiten vollständig abbilden.

Wann ist welcher Ansatz der Richtige?

Hier ist die unbequeme Wahrheit: Wer Magento sinnvoll einsetzt, hat in der Regel Anforderungen, die Shopify nicht oder nur mit erheblichem Aufwand abbilden kann. Die Masse migriert trotzdem, weil der Marktanteil von Shopify eindrucksvoll ist und weil Agenturen gerne Migrationen verkaufen. Das ist kein Vorwurf, es ist eine Marktbeobachtung.

Shopify ist eine gute Wahl, wenn:

  • Sie mit enor wenig Budget etwas testen möchten, beispielsweise im Rahmen eines POC
  • Ihr Produktkatalog standardisierte Strukturen hat und keine komplexen Konfigurationslogiken erfordert
  • Ihre ERP- und Warenwirtschafts-Integration über Standard-APIs abbildbar ist
  • Sie im B2C-Bereich tätig sind und keine mehrstufigen Kundenstrukturen benötigen
  • Ihre interne IT-Kapazität begrenzt ist und Sie Wartungsaufwand minimieren wollen
  • Sie schnell skalieren möchten, ohne in Infrastruktur zu investieren

Shopify ist die falsche Wahl, wenn:

  • Sie komplexe B2B-Prozesse mit individuellen Preislisten, Freigabe-Workflows oder Kundenportalen betreiben
  • Ihr Checkout individuelle Logik enthält, die über Shopifys Checkout Extensibility nicht abbildbar ist
  • Sie datenintensive ERP-Integrationen betreiben, die direkten Datenbankzugriff erfordern
  • Ihre Produktkonfiguration variantenübergreifende Abhängigkeiten hat, die über Standard-Variantenlogik hinausgehen
  • Sie in stark regulierten Branchen tätig sind, die volle Datenhoheit und spezifische Hosting-Anforderungen verlangen

Wer in diesen Szenarien nach Alternativen zu Magento sucht, sollte Plattformen wie Shopware oder SCAYLE ernsthaft prüfen. Beide bieten erheblich mehr Flexibilität als Shopify, ohne den operativen Aufwand einer klassischen On-Premises-Installation vollständig auf sich zu nehmen. Die Plattformwahl sollte aus den Anforderungen folgen, nicht aus dem Marktanteil.

Fazit

Shopify ist eine hervorragende Plattform für die richtige Zielgruppe. Das Problem ist, dass diese Zielgruppe häufig nicht deckungsgleich mit dem typischen Magento-Betreiber ist. Wer Magento ernsthaft eingesetzt hat, hat das in der Regel getan, weil die Anforderungen es verlangten. Diese Anforderungen verschwinden nicht durch eine Migration.

Die Entscheidung für oder gegen Shopify darf keine Massen-Reaktion auf einen Markttrend sein. Sie muss auf einer nüchternen Analyse der eigenen Prozesse, Integrationen und Wachstumsstrategie basieren. Wer das überspringt und einfach migriert, weil alle es tun, zahlt die Rechnung spätestens beim ersten Geschäftsprozess, den Shopify nicht abbilden kann.

Alexander Steireif

Über den Autor

Alexander Steireif ist Gründer und Geschäftsführer der Strategie- und Technologieberatung Alexander Steireif GmbH. Seit über 20 Jahren unterstützt er mittelständische Unternehmen dabei, ihren Vertrieb zu digitalisieren, leistungsfähige E Commerce Lösungen aufzubauen und klare Strategien für nachhaltiges digitales Wachstum zu entwickeln.

Alexander Steireif

Geschäftsführer

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