Ist das aktuelles Shopsystem eine Wachstumsbremse?

Hat man ein ERP-System über Jahre und Jahrzehnte, betreibt man seine Webshop-Lösung meist in weitaus kürzeren Zyklen. Das hängt vor allem mit der Dynamik im Markt zusammen. Im E-Commerce werden ständig neue Lösungen geboren, vermeintliche Stars wie Shopify und Magento verlieren an Glanz und Entscheider müssen sich regelmäßig die Frage stellen, ob zusätzliches Wachstum nicht mit einer anderen Lösung einfach zu erzielen wäre.

Denn irgendwann kommt der Moment, in dem auch die Zahlen nicht mehr lügen. Die Conversion-Rate stagniert, das Umsatzwachstum bleibt hinter dem Markt zurück, jede neue Anforderung kostet doppelt so viel Zeit wie geplant, und das IT-Team kämpft permanent gegen Symptome statt an Lösungen zu arbeiten. 

In solchen Momenten sucht man die Ursachen zunächst im Marketing, in der Logistik oder im Sortiment. Die eigentliche Bremse sitzt aber oft tiefer: im Fundament, dem Shopsystem.

Die Frage, ob das aktuelle System noch das richtige ist, stellen sich die wenigsten Unternehmen dann aber systematisch. Dabei sollte sie Pflichtbestandteil jeder ernsthaften E-Commerce-Strategie sein, mindestens alle drei bis vier Jahre.

Die Anzeichen einer Wachstumsbremse

Bevor man Systementscheidungen trifft, muss man verstehen, was überhaupt gemessen werden soll. Viele Unternehmen beobachten Symptome, ohne den Zusammenhang zur Systemebene herzustellen, was wiederum ein teurer Fehler ist.

Laut Google-Studien steigt die Absprungwahrscheinlichkeit um 32 Prozent, wenn eine Seite statt einer Sekunde drei Sekunden zum Laden benötigt. Bei fünf Sekunden liegt dieser Wert bereits bei 90 Prozent. Kunden verlassen einen Shop also, bevor sie das erste Produkt gesehen haben, nur weil das System performancetechnisch nicht mithalten kann. 

Ein Problem, mit dem häufig vor allem On-Premises Lösungen zu kämpfen haben, gerade wenn an diesen jahrelang entwickelt wurde.

Ähnlich verhält es sich im Checkout. Das Baymard Institute hat in langjährigen Studien ermittelt, dass die durchschnittliche Warenkorbabbruchrate bei rund 70 Prozent liegt. Ein erheblicher Teil dieser Abbrüche geht auf technische Fehler, überkomplexe Prozesse oder schlechte Performance zurück. 

Alles Faktoren, die direkt auf das Shopsystem zurückfallen. Die Symptome, die auf eine Wachstumsbremse durch das Shopsystem hindeuten, sind meist klar erkennbar:

  • Jede neue Funktionalität erfordert aufwändiges Custom Development, weil das System out-of-the-box keine Erweiterungsoptionen bietet.
  • Integrationen mit ERP, CRM oder PIM sind fragil, erfordern regelmäßige Pflege und reißen bei jedem Update.
  • Der Hersteller veröffentlich keine neuen Features & Updates
  • Das Frontend lässt sich nicht ohne tiefgreifende Entwicklungsarbeit anpassen, obwohl Wettbewerber schnell auf neue UX-Anforderungen reagieren.
  • Mobile Performance ist ein Dauerthema, kein gelöstes Problem.

Wer zwei oder mehr dieser Punkte wiedererkennt, hat keinen Marketing-Engpass. Der Engpass sitzt im System.

Ihr Shopsystem auf dem Prüfstand

Eine Systembewertung ist kein Bauchgefühl und kein Verkaufsgespräch mit einer Agentur. Auch wenn letzteres leider immer häufiger passiert. Sie ist ein strukturierter Prozess, der auf messbaren Kriterien basiert. Bei steireif setzen wir hierfür beispielsweise auf einen neutralen Check der E-Commerce-Plattform, der unabhängig von Systemherstellern und Implementierungspartnern durchgeführt wird.

Zentrale Bewertungsdimensionen sind dabei: 

  • technische Performance
  • Skalierbarkeit der Architektur
  • Integrationstiefe mit der bestehenden IT-Landschaft,
  • Flexibilität des Frontends
  • Total Cost of Ownership.

Letztere werden häufig unterschätzt, weil man nur Lizenz- und Hostingkosten sieht, nicht aber den versteckten Aufwand für Entwicklung, Wartung und fehlende Standardfunktionen.

Besonders aufschlussreich ist die Analyse des IT-Budgets: Branchenübergreifende Daten zeigen, dass Unternehmen mit veralteter IT-Infrastruktur bis zu 80 Prozent ihres IT-Budgets allein für Maintenance aufwenden. Für Innovation bleibt dann kaum Spielraum. Bei modernen Cloud-nativen oder Headless-Architekturen dreht sich dieses Verhältnis deutlich zugunsten von Weiterentwicklung und neuen Features.

Die wahren Kosten eines suboptimalen Shopsystems

Der teuerste Teil eines falschen Shopsystems steht nie in der Rechnung. Er versteckt sich in entgangenen Umsätzen, verpassten Marktchancen und gebundenem Entwicklungsbudget, das für Pflastermaßnahmen draufgeht statt für Wachstum.

Forrester Research hat untersucht, welchen Einfluss die Qualität der Benutzeroberfläche auf die Geschäftsergebnisse hat. Eine gut gestaltete UI kann die Conversion-Rate um bis zu 200 Prozent steigern. Eine optimierte User Experience ermöglicht sogar Steigerungen von bis zu 400 Prozent. Ein starres System, das keine flexible Frontend-Anpassung erlaubt, verschenkt dieses Potenzial vollständig.

Dazu kommt die Mobile-Problematik. Der HDE Online-Monitor zeigt, dass in Deutschland über 55 Prozent der Online-Umsätze über mobile Endgeräte generiert werden. Shopsysteme ohne konsequentes Mobile-First-Konzept schließen damit mehr als die Hälfte des Marktes strukturell aus. Das ist keine Nische, das ist die Mehrheit.

Kurz zusammengefasst: Die Risiken eines suboptimalen Systems lassen sich in drei Kategorien einteilen:

  • Direkte Umsatzeinbußen durch schlechte Performance, hohe Absprungraten und Checkout-Abbrüche.
  • Strukturelle Wettbewerbsnachteile, weil Wettbewerber mit moderneren Systemen schneller am Markt agieren, günstigere Features ausrollen und bessere Nutzererfahrungen liefern.
  • Budgetverschwendung, weil jede Anforderung überproportional teuer wird und das Team mit Maintenance-Aufgaben beschäftigt ist statt mit Wachstum.

Wann ein Shopsystemwechsel unausweichlich wird

Ein Systemwechsel ist keine Entscheidung, die man trifft, wenn das aktuelle System zusammenbricht. Wer so lange wartet, wechselt unter Druck, mit schlechten Verhandlungspositionen und häufig in das nächstbeste System statt in das richtige.

Die strategisch sinnvollen Zeitpunkte für eine Neubewertung oder einen Wechsel sind klar definierbar: wenn das Wachstum des Unternehmens konsistent über dem liegt, was das System prozessual abbilden kann; wenn die Integrationskosten für neue Systeme (ERP-Upgrade, CRM-Einführung, PIM-Implementierung) unverhältnismäßig steigen; wenn der Hersteller das System in die End-of-Life-Phase führt oder wesentliche Features hinter einer signifikanten Preiserhöhung verschwinden.

Die Empfehlung aus unserer Beratungspraxis ist eindeutig: Jede Shopsystem-Bewertung sollte spätestens alle drei bis vier Jahre stattfinden, unabhängig davon, ob aktuell Probleme sichtbar sind. Technologiezyklen laufen schneller als interne IT-Roadmaps. Wer wartet, bis der Schmerz spürbar wird, zahlt doppelt.

Strategische Planung vor einem Systemwechsel

Systemwechsel scheitern selten an der Technologie. Sie scheitern an fehlender Vorbereitung, an unklaren Anforderungen und an Auswahlprozessen, die von Agenturen dominiert werden, die ein bestimmtes System im Portfolio haben. 

Eine neutrale Beratung ist kein Nice-to-have, Sie ist der entscheidende Faktor für Investitionssicherheit. Denn nur so können Sie auf Nummer sicher gehen, dass Sie die Lösung erhalten, die zu Ihnen passt. Und nicht eine Lösung verkauft bekommen, die aktuell zur Auslastung der Agentur passt.

Ein solider Auswahlprozess beginnt mit einer vollständigen Anforderungserhebung, die Geschäftsprozesse, Wachstumsziele, technische Integrationsanforderungen und organisatorische Rahmenbedingungen gleichermaßen berücksichtigt. 

Erst danach folgt die Systemauswahl. Diese Reihenfolge klingt selbstverständlich, wird in der Praxis aber regelmäßig umgekehrt, weil Agenturen das Gespräch mit ihrer Präferenzlösung beginnen.

Für Unternehmen im Mittelstand mit hybriden B2B- und B2C-Modellen lohnt ein genauerer Blick auf Plattformen wie Shopware 6, BigCommerce, Intershop und Co. die API-First-Architekturen mit hoher Erweiterbarkeit kombinieren. Für andere Anforderungsprofile sind Adobe Commerce oder SaaS-Lösungen wie Shopify Plus relevanter. Die Antwort liegt nicht im Systemhersteller-Marketing, sondern im individuellen Anforderungsprofil.

Ein strukturiertes Anforderungsmanagement vor dem Wechsel schafft Transparenz darüber, wo tatsächlich Geld verloren geht und welche Investition sich realistisch rechnet. Systemwechsel mit Budgets zwischen 150.000 und 500.000 Euro sind keine Entscheidungen für ein Nachmittagsgespräch.

Fazit

Das Shopsystem ist keine IT-Entscheidung. Es ist eine strategische Weichenstellung, die über Wachstum oder Stagnation entscheidet, über schlanke Prozesse oder aufgeblähte Maintenance-Budgets, über wettbewerbsfähige User Experiences oder veraltete Checkout-Strecken.

Wer feststellt, dass Performance-Probleme, hohe Warenkorbabbrüche und langsame Feature-Entwicklung zum Dauerzustand geworden sind, sollte die Ursachensuche nicht im Marketing beginnen. Das Fundament verdient den ersten Blick. 

Alle drei bis vier Jahre sollte diese Frage bewusst und methodisch gestellt werden: Setzen wir noch auf das richtige Pferd?

Alexander Steireif

Über den Autor

Alexander Steireif ist Gründer und Geschäftsführer der Strategie- und Technologieberatung Alexander Steireif GmbH. Seit über 20 Jahren unterstützt er mittelständische Unternehmen dabei, ihren Vertrieb zu digitalisieren, leistungsfähige E Commerce Lösungen aufzubauen und klare Strategien für nachhaltiges digitales Wachstum zu entwickeln.

Alexander Steireif

Geschäftsführer

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