06.03.2026

Der E-Commerce ist längst kein Nischenthema mehr. Laut einer Studie von Oxford Economics und dem bevh trägt der digitale Handel mittlerweile erheblich zum deutschen Bruttoinlandsprodukt bei, und der B2B-E-Commerce wächst dabei sogar schneller als das klassische B2C-Geschäft. Für mittelständische Unternehmen bedeutet das: Wer den digitalen Vertrieb heute falsch aufstellt, hat morgen ein strukturelles Problem.
Kein Wunder also, dass immer mehr Unternehmen externe Unterstützung suchen. Der Markt für E-Commerce Beratung ist in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen, die Anbieter sind zahlreicher geworden, und die Angebote klingen auf den ersten Blick häufig austauschbar. Strategie, Technologie, Umsetzung aus einer Hand, alles von einem Partner. Das klingt verlockend.
Das Problem: Hinter vielen dieser Angebote steckt ein Interessenkonflikt, über den kaum jemand offen spricht.
Ich sage es direkt: Aus meiner Erfahrung sind rund 90 Prozent aller Anbieter, die sich als "E-Commerce Berater" positionieren, nicht wirklich unabhängig. Das ist keine Kritik an einzelnen Personen, sondern eine strukturelle Beobachtung.
Wie entsteht dieser Interessenkonflikt? Viele Beratungen sind entweder selbst Agenturen, haben enge Partnerschaften mit bestimmten Softwareanbietern, oder verdienen an der späteren Implementierung mit. Das ist betriebswirtschaftlich nachvollziehbar. Aber es führt dazu, dass Empfehlungen nicht ausschließlich auf Basis der Kundensituation entstehen, sondern auch auf Basis dessen, was für den Berater lukrativ ist.
Ein Beispiel, das ich immer wieder beobachte: Ein Unternehmen beauftragt eine Beratung zur Shopsystemauswahl. Die Beratung empfiehlt System X. Kurz darauf übernimmt dieselbe Beratung auch die Implementierung. Zufälle gibt es natürlich, aber dieser Zufall tritt bemerkenswert häufig auf.
Der Schaden für den Kunden ist oft erst im Nachhinein sichtbar: überdimensionierte Systeme, die zum Unternehmen nicht passen, Lizenzkosten, die niemand verhandelt hat, und ein technologischer Lock-in, der spätere Wechsel teuer macht.
Was unterscheidet eine abhängige von einer wirklich unabhängigen Beratung? Die Antwort ist einfacher als man denkt.
Eine unabhängige E-Commerce Beratung verdient ausschließlich an der Beratungsleistung selbst. Keine Provisionen von Softwareanbietern, keine Kickbacks von Agenturen, keine eigene Implementierungssparte, die von einer bestimmten Technologieempfehlung profitiert. Klingt selbstverständlich. Ist es aber nicht.
Eine abhängige Beratung hingegen hat finanzielle Anreize, die über die Kundenbeziehung hinausgehen. Ob das durch Agentur-Partnerprogramme entsteht, durch eigene Implementierungskapazitäten oder durch Plattformpartnerschaften, spielt im Ergebnis keine große Rolle. Die Empfehlung wird, bewusst oder unbewusst, durch diese Anreize beeinflusst.
Der Unterschied ist nicht immer leicht zu erkennen, weil kaum ein Anbieter offen kommuniziert, welche Abhängigkeiten bestehen. Umso wichtiger ist es, gezielt nachzufragen.
Dieses Versprechen begegnet einem im Markt sehr häufig. Und auf den ersten Blick macht es Sinn: ein Partner, der kennt, was er empfohlen hat, setzt es auch um. Weniger Reibungsverluste, kürzere Kommunikationswege.
In der Praxis sieht das oft anders aus. Wenn dieselbe Organisation, die Sie berät, anschließend auch implementiert, verschwindet ein wichtiger Kontrollmechanismus. Die Beratungsphase wird dann, manchmal unbewusst, darauf ausgerichtet, was die eigene Umsetzungsmannschaft gut kann, nicht was das Unternehmen wirklich braucht.
Dazu kommt: Wer implementiert, hat ein natürliches Interesse an einem möglichst großen Projektumfang. Features, die vielleicht gar nicht notwendig wären, landen im Scope. Zeitpläne werden optimistisch kalkuliert. Das Budget läuft aus dem Ruder.
Eine neutrale Umsetzungsbegleitung durch eine unabhängige Instanz, die keine eigenen Implementierungsinteressen hat, schützt Sie vor genau diesen Dynamiken. Sie behält den Überblick, hinterfragt Entscheidungen im Sinne des Auftraggebers und agiert als verlängerter Arm des Unternehmens gegenüber der ausführenden Agentur.
Eine seriöse Beratung beginnt nicht mit einer Empfehlung. Sie beginnt mit einer Bestandsaufnahme.
Bevor irgendeine Technologie empfohlen, eine Agentur ausgewählt oder eine Strategie skizziert wird, muss der Status quo des Unternehmens verstanden sein. Das klingt banal, wird aber erschreckend selten konsequent gelebt. Viele Beratungen springen direkt zur Lösung, weil die Lösung bereits feststeht und die Analyse nur noch die Begründung liefern soll.
Eine gute Strategieberatung hingegen arbeitet systematisch: IST-Analyse, Zieldefinition, Anforderungsaufnahme, Markt- und Wettbewerbskontext. Erst dann folgen Handlungsoptionen mit echten Abwägungen, nicht eine einzelne Empfehlung, die als alternativlos präsentiert wird.
Fragen Sie deshalb potenzielle Berater konkret nach ihrer Vorgehensweise. Wie sieht die IST-Analyse aus? Welche Methodik steckt hinter der Technologiebewertung? Wie werden Anforderungen strukturiert und priorisiert? Wer hier vage bleibt oder sofort mit konkreten Systemempfehlungen startet, ohne Ihr Unternehmen zu kennen, sollte Sie aufhorchen lassen.
Die Auswahl des richtigen Shopsystems ist eine der folgenreichsten Entscheidungen im E-Commerce. Eine Fehlentscheidung hier bindet Ressourcen auf Jahre, erzeugt Migrationsaufwände und kostet erheblich mehr, als eine sorgfältige Evaluation am Anfang gekostet hätte.
Eine neutrale Technologieberatung bewertet Systeme auf Basis des konkreten Anforderungsprofils, nicht auf Basis von Partnerschaftsprogrammen. Das bedeutet: Alle relevanten Systeme kommen auf den Tisch, werden anhand klar definierter Kriterien bewertet, und die Empfehlung folgt aus diesem Prozess, nicht umgekehrt.
In der Shopsystem-Datenbank finden sich über 100 Systeme, die nach verschiedenen Kriterien strukturiert sind. Wer sich vor einem Auswahlprozess einen ersten Überblick verschaffen möchte, bekommt dort eine nützliche Ausgangsbasis.
Worauf sollten Sie bei einem Berater konkret achten? Keine Partnerprogramme mit Shopsystemanbietern. Klare Dokumentation der Bewertungskriterien. Transparenz darüber, welche Systeme bewertet wurden und welche nicht. Und die Bereitschaft, auch Empfehlungen auszusprechen, die für den Berater selbst keinen weiteren Folgeauftrag bedeuten.
Dieser Aspekt wird in Beratungsgesprächen erstaunlich selten thematisiert. Dabei liegt hier oft erhebliches Einsparpotenzial.
Lizenzkosten für E-Commerce-Plattformen sind selten in Stein gemeißelt. Wer Erfahrung mit dem Markt hat und weiß, was marktüblich ist, kann deutlich bessere Konditionen verhandeln, als ein Unternehmen, das zum ersten Mal mit einem Anbieter spricht. Dasselbe gilt für Agenturverträge: Stundensätze, Projektpauschalen, Wartungsverträge. All das hat Verhandlungsspielräume.
Eine unabhängige Beratung, die keine eigene Agentur empfehlen möchte, sondern ausschließlich im Kundeninteresse handelt, kann hier als neutraler Verhandlungsführer auftreten. Das Thema Kostenoptimierung im E-Commerce umfasst dabei weit mehr als die initiale Investition: laufende Lizenzkosten, Hosting, Support, Migrationsaufwände bei Systemwechseln. Eine vollständige Kostenbetrachtung über mehrere Jahre, die sogenannte Total Cost of Ownership, sollte Grundlage jeder Entscheidung sein.
E-Commerce-Projekte scheitern selten an der Technologie. Sie scheitern an Kommunikationslücken, unklaren Anforderungen, fehlenden Entscheidungsstrukturen und dem Fehlen einer unabhängigen Kontrollinstanz.
Wenn eine Agentur gleichzeitig implementiert und steuert, fehlt ein wichtiges Korrektiv. Scope-Creep bleibt unentdeckt. Meilensteine werden verschoben, ohne dass jemand kritisch nachfragt. Budgets wachsen still.
Eine neutrale Beratung, die das Projekt im Auftrag des Unternehmens begleitet, übernimmt diese Kontrollfunktion. Sie spricht die Sprache beider Seiten, kennt die üblichen Fallstricke in Agentурprojekten und kann frühzeitig eingreifen, bevor aus einem kleinen Problem ein teures Desaster wird. Das ist keine angenehme Rolle für alle Beteiligten. Aber sie schützt das Unternehmen.
Bevor Sie eine Beratung beauftragen, empfiehlt es sich, folgende Punkte zu prüfen:
Die Auswahl der richtigen E-Commerce Beratung ist keine triviale Entscheidung, die man über das Knie brechen sollte. Sie hat nämlich direkte Auswirkungen auf die Strategie- und Technologieentscheidungen Ihres Unternehmens, auf die Kosten der nächsten Jahre und auf die Qualität der Projekte, die daraus entstehen.
Der Markt ist unübersichtlich, die Angebote klingen ähnlich, und Interessenkonflikte sind oft nicht auf den ersten Blick erkennbar. Das macht die Auswahl schwieriger, aber nicht unmöglich.
Wenn Sie eine einfache Leitfrage im Kopf behalten wollen: Hat das Beratungsunternehmen, mit dem Sie gerade sprechen, ein finanzielles Interesse daran, Ihnen eine bestimmte Lösung zu empfehlen? Wenn die Antwort ja lautet, oder wenn Sie sie nicht sicher beantworten können, ist Vorsicht geboten.
Echte Neutralität ist kein Marketing-Versprechen. Sie zeigt sich in der Struktur des Geschäftsmodells, in der Offenheit über Interessenkonflikte und in der Bereitschaft, Empfehlungen zu geben, die für den Kunden richtig sind, auch wenn sie für den Berater keinen weiteren Auftrag bedeuten. Daran sollten Sie jeden messen, der Ihnen im E-Commerce Orientierung verspricht.

Alexander Steireif ist Gründer und Geschäftsführer der Strategie- und Technologieberatung Alexander Steireif GmbH. Seit über 20 Jahren unterstützt er mittelständische Unternehmen dabei, ihren Vertrieb zu digitalisieren, leistungsfähige E Commerce Lösungen aufzubauen und klare Strategien für nachhaltiges digitales Wachstum zu entwickeln.
Geschäftsführer
Alexander Steireif