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Spryker – Purer Hype oder echte Alternative?

B2B E-Commerce 8 Min. Lesezeit Alexander Steireif 22.04.2020

Spryker - Alles nur ein Rohbau?

Spryker gilt definitiv als eine der bekanntesten E-Commerce Lösungen in Deutschland. Als mein Kollege Daniel Becker vor wenigen Wochen den Blogbeitrag E-Commerce Shopsysteme 2020 – was tut sich im Markt? veröffentlichte, kam rasch Feedback und vor allem eine Frage: Warum fehlt Spryker in eurem Beitrag und was haltet ihr von dieser E-Commerce Lösung?

Um es an dieser Stelle deutlich zu haben: Wir haben Spryker nicht einfach vergessen. Denn dafür ist die Lösung zu bekannt und präsent. Es gab und gibt gute Gründe, die Lösung nicht im besagten Beitrag aufzuführen. Denn zugegebenermaßen bin ich kein wirklicher Freund dieser Lösung. Aus meiner persönlichen Sicht steckt zu viel Hype und zu wenig Substanz hinter Spryker. Und am Ende des Tages löst Spryker, meiner Meinung nach, kein Problem, welches andere Lösungen wie Magento oder die Salesforce B2B Commerce nicht schon längst gelöst haben.

… und die Gründe für meine Meinung sind wie folgt.

Die Ursprünge von Spryker

Bei Spryker handelt es sich um eine E-Commerce Technologie bzw. Lösung Made in Germany. Gegründet wurde das Unternehmen im Jahr 2014 unter dem Namen „Spryker Systems“. Entwickelt wurde die Lösung, folgt man den Ausführungen von Alexander Graf, vor allem aus einem Grund: Keine bis dato am Markt vorhandene E-Commerce Lösung war wirklich flexibel. Flexibel im Sinne von schnell anpassbar hinsichtlich diverser Benutzeroberflächen und Eingabemedien – vor dem dem Hintergrund eines immer kürzeren Time-To-Market. Denn eines war schon vor einigen Jahren klar: Mobile-Commerce, Voice-Commerce und weitere Interaktionsmöglichkeiten mit E-Commerce Plattformen werden an Bedeutung gewinnen.

Zu den Gesichtern von Spryker zählen vor allem Alexander Graf, Nils Seebach und Boris Lokschin, der 2015 in die Geschäftsführung eingestiegen ist. Bei Boris Lokschin handelt es sich um einen E-Commerce Experten, der bereits zu Zeiten des Magento Hypes für eine prominente Magento-Agentur in Deutschland tätig war. Im Jahr 2018 gelang zudem eine weitere Finanzierungsrunde, über die gruenderszene.de berichtet. Spryker schaffte es, über 22 Millionen Dollar einzusammeln, um sich so für die Zukunft zu wappnen. Zuvor hatte man bereits 2016 Kapital in einer ersten Finanzierungsrunde eingesammelt.

Kurz umrissen die wichtigsten Daten:

  • 2014: Gründung von Spryker Systems
  • 2016: Mittlere siebenstellige Finanzierung
  • 2018: 22 Millionen Dollar Finanzierung

Zusammengefasst: Spryker existiert nun seit ca. 6 Jahren am Markt, hat mehrere Millionen Euro in Finanzierungsrunden eingesammelt und ist weiterhin in Berlin beheimatet.

Die ursprüngliche Idee und deren Ansatz

Wenn eine Software entwickelt wird bzw. den Markteintritt schafft, so steht in der Regel immer eine Frage im Vordergrund. Auf welches existierende aber bisher nicht zufriedengestellt gelöste Problem soll die Software eine Antwort liefern und damit für einen Mehrwert sorgen? Im Falle von Spryker ging es in erster Linie darum, ein Gegengewicht zu den starren und umfangreichen E-Commerce Lösungen wie Magento oder Intershop zu etablieren. Sprich eine Lösung zu bieten, die eben nicht alles vorgibt, sondern möglichen Raum für Anpassungen lässt und die nötige Flexibilität liefert, um digitale Geschäftsmodelle abseits des Standards abzubilden.

Ein aus dem Jahre 2015 veröffentlichter Artikel auf etailment.de beschreibt diesen Ansatz besonders gut:

„… Simpel gesagt ist Spryker als Framework eine Art Rohbau in dem man dann drinnen alles selbst verlegt und tapeziert. Doch anders als ein Rohbau beim Hausbau bringt Spryker bereits eine sehr ausgereifte und über eine Vielzahl an Projekten entwickelte Architektur mit sich (…) Das Grundgerüst beinhaltet Konzepte für Treppen, Fenster, Fahrstühle und Terrassen. Wenn man es mit dem Hausbau vergleicht, dann sind Standardsysteme vergleichbar mit Fertighäusern. Heute versuchen Online-Unternehmen aus diesen Fertighäusern Kirchen und Opernhäuser zu bauen oder manchmal sogar Fußballstadien. Das Konzept eines Fertighauses ist für solche Umbauten nicht gedacht. Wir bringen einen stabilen Rohbau mit, der flexibel genug ist, um Kirchen, Opern und Flughäfen zu bauen, allerdings muss man nicht mehr jedes einzelne Teil selbst anfertigen – und unnützen Ballast mitnehmen …“.

Aus diesem Statement geht also klar hervor, dass sich die Lösung signifikant von Konkurrenten wie Magento, Intershop, Salesforce, Shopware & Co abheben wollte. So sollte Spryker eben kein „Plug & Play“ E-Commerce Fertighaus sein, sondern vielmehr ein E-Commerce Framework, welches jegliche Art von Geschäftsmodellen abbilden kann. Ganz ohne Overhead, ganz ohne Ballast und vor allem … ausgestattet mit enormer Flexibilität.

Gegenwart und aktuelle Situation

Betrachtet man nun die aktuelle Lage, wird man feststellen: Es hat sich rund um Spryker einiges getan. Das beginnt beim Namen, wird das Produkt doch seit einiger Zeit „SPRYKER COMMERCE OS“ genannt. Spryker hat sich also schon namentlich vom Baukasten bis hin zum Betriebssystem für den digitalen Handel entwickelt.

Die interessanteste Änderung besteht meiner Meinung nach aber darin, dass nun eine vollständige und umfangreiche Lösung propagiert wird. Es stehen zwar immer noch Buzzwords wie API-First, Skalierbarkeit, Agilität und Customizing im Vordergrund. Das ist aber bei allen gängigen Mitbewerbern wie Salesforce und Magento ebenso der Fall. Betrachtet man die Website, wird man eine Produktdifferenzierung zwischen B2C und B2B feststellen, beide Lösungen haben entsprechende Komponenten und ermöglichen einen einfachen Einstieg in den E-Commerce mit bereits vorhandenen Bordmitteln.

Spryker Cloud Commerce OS B2C Suite
Quelle: https://spryker.com/de/b2c/

Alleine die zweiseitige B2C-Feature Liste verrät, mit welchem Umfang Spryker im Standard daher kommt. Verstehen Sie mich an dieser Stelle nicht falsch. Ich bin kein Gegner von Out-Of-The-Box Funktionalitäten und Standard-Features – ganz im Gegenteil. Aber anhand der aktuellen Bewerbung und Produktinformationen sieht man ganz einfach den Schwenk im Geschäftsmodell und weg von der initialen Idee … was per se auch nicht verwerflich ist, dass sich das Unternehmen wie andere auch den Marktgegebenheiten anpasst.

Mythen und Unklarheiten

Für was genau steht nun die E-Commerce-Lösung Spryker? Flexibler Baukasten, umfangreiche E-Commerce Lösung? Mitbewerber von Intershop, Magento und Salesforce oder gar hochgradig innovativ und außer Konkurrenz? Anhand einiger Blog-Beiträge lässt sich ableiten, dass eben genau diese Positionierung vielen Unternehmen bzw. der E-Commerce Gemeinschaft nicht ganz klar ist.

Folgende Auswahl beschäftigt sich mit dieser Fragestellung beschäftigen und versucht, Licht ins Dunkle zu bringen:

Am Ende des Tages stellt sich aber immer noch die Frage: Ist Spryker eine eierlegende Wollmilchsau unter den Webshop-Lösungen, eine hochgradig spezialisierte E-Commerce-Lösung für gewisse Anforderungen und Geschäftsmodelle, oder doch einfach nur die x-te E-Commerce-Software im bereits stark besetzten Marktumfeld – man denke an Magento, Intershop, Shopware & Co.?

Eine kurze Gegenüberstellung mit anderen Lösungen

Wenn man sich für oder gegen die Einführung von Spryker als E-Commerce Lösung entscheiden muss, wird man die Software letztendlich mit anderen Lösungen vergleichen müssen. Die Unterschiede, Vor- sowie Nachteile geben dann letztendlich die Richtung der Entscheidung vor. Doch vergleicht man Stand heute Spryker mit einer Lösung wie beispielsweise Magento Commerce, so fallen für mich nicht wirklich viele und gewichtige Differenzierungsmerkmale auf:

  • Spryker setzt beim Delivery-Model auf On-Premise sowie Cloud. Genau wie beispielsweise Magento oder Intershop.
  • Es gibt innerhalb des Produktes eine Differenzierung in B2C sowie B2B. Magento macht dies praktisch auch (Commerce unterstützt B2B Features), einen identischen Ansatz wie Spryker verfolgt aber auch Salesforce.
  • Speziell APIs und Integrationsmöglichkeiten (z.B. Middleware) werden bei Spryker in den Vordergrund gestellt. Selbes Spiel spielt aber auch Magento und Adobe (Stichwort Magento APIs sowie I/O runtime).
  • Vor allem bei der B2B Suite wird mit den leistungsstarken B2B Features geworben, letztendlich ist aber Magento Commerce auf einem sehr ähnlichen bzw. identischen Level.
  • Über 800 Module bieten von Haus aus einen enormen Leistungsumfang. Rechnet man jedoch bei Unternehmen wie Salesforce bzw. Adobe/Magento deren Marketplaces mit, ist man auch hier weit von einem Differenzierungsmerkmal entfernt.

Kunden und Referenzen

Sie werden sich vermutlich die Frage stellen, welche Unternehmen momentan auf Spryker setzen. Sieht man sich die Liste an Referenzen an, so werden Sie viele bekannten und bedeutenden Namen feststellen. Unter anderem Rose Bikes, Wine in Black, Segmüller, ATU, Tom Tailer oder auch Hilti. Hierbei handelt es sich um wirklich großartige (E-Commerce) Brands, welche allesamt erfolgreiche und auch komplexe Webshops betreiben.

Die Betonung liegt auf Webshops. Denn schaut man in die Historie von Spryker, wollte man vor allem Unternehmen bei der Digitalisierung ganzer Geschäftsmodelle unterstützen und Unternehmen insbesondere mit der enormen Flexibilität helfen, die andere Lösungen nicht bieten würden. Oder anders gesagt: Man wollte eher die Lösung für ein neues AirBnB oder einen App Store bereitstellen, als einen klassischen Online-Shop. Schaut man sich jetzt aber Referenzen wie z.B. Wine in Black oder Tom Tailer an, muss man eines feststellen: Es hätte mit Magento oder Salesforce genau so gut umgesetzt werden können.

Brauchen Unternehmen wirklich Spryker?

Spryker macht vieles richtig. Denn sonst wäre in den letzten Jahren nicht ein Unternehmer in dieser Größe und vor allem dieser Präsenz entstanden. Beschäftigt man sich mit E-Commerce Lösungen, Webshop-Systemen und E-Commerce-Technologien, so wird man früher oder später auf das Unternehmen Spryker treffen. Das Marketing ist grandios und die Sichtbarkeit unschlagbar.

Doch diese positiven Eigenschaften haben in erster Linie nichts mit der Lösung zu tun. Schaut man sich die Historie von Spryker an, so war die Intention und die ursprüngliche Idee sicherlich sehr valide. Ja, Lösungen wie Intershop oder auch Magento sind groß, umfangreich und auch in gewissen Stellen starr. Daher kann es definitiv Unternehmen geben, die aufgrund des eigenen Geschäftsmodells eine andere Art Lösung benötigen. Ein schmales, schlankes und flexibles Framework wie z.B. commercetools oder Sylius.

Der Punkt ist nur: Speziell im Deutschen Mittelstand gibt es eben nicht so wahnsinnig viele Unternehmen, die auf ein so innovatives und besonderes Geschäftsmodell setzen, dass man sich „from scratch“ – oder eben mittels Framework – eine E-Commerce Lösung zusammenschustern muss. Im Mittelstand sind es viel mehr banale und wirklich einfache Geschäftsmodelle, die nicht aufgrund der Anforderungen an die IT scheitern. Viel mehr sind es Produzenten, Markenhersteller und „Old Economy“ Unternehmen, die ihren Vertrieb und die Vertriebsstrategie komplett umstellen müssen und der Weg in Richtung Direktvertrieb enorm komplex ist. Komplex aufgrund wirtschaftlicher Faktoren, Spannungen mit Händlern und nicht zuletzt aufgrund des eigenen Setups und E-Commerce Know-hows.

Vermutlich hat sich aus diesem Grund Spryker, so nehme zumindest ich es wahr, von der ursprünglichen Idee ein wenig verabschiedet. Stand jetzt ist Spryker nicht mehr das hippe und coole Framework, sondern das Commerce OS. Ein Betriebssystem für den E-Commerce, welches Anforderungen im B2B und B2C abdecken möchte. Es bringt viel out of the box mit, aber die Time-to-Market ist weiterhin kurz, die Anpassbarkeit weiterhin gegeben … Eigenschaften die aber eben auch auf ein Magento Commerce zutreffen.

Fazit – Hype oder Alternative

Was ist Spryker also, ein Hype oder eine echte Alternative? Aus meiner Sicht ist Spryker eine gute Lösung, aber eine Lösung in einem Markt, in dem es verdammt viele Alternativen gibt. Wirklich große Differenzierungsmerkmale habe ich, nachdem ich die Lösung seit Jahren im Auge behalte, nicht festgestellt.

Natürlich hat jede E-Commerce Lösung Punkte, mit denen sie glänzen kann. Auch Spryker wird diese haben – eben auch wie ein Salesforce oder Intershop. Was am Ende des Tages bleibt, sind daher ein weiterer deutscher Software-Hersteller, was sehr begrüßenswert ist und eine gute Lösung, die aber vom ursprünglichen Charme einiges eingebüßt hat und sich neben gleichwertigen und zum Teil besseren Lösungen, die am Markt verfügbar sind, behaupten muss.