13.10.2022

ca. 8 Minuten

Ersetzt ein B2B-Onlineshop den Außendienstmitarbeiter?

Ersetzt ein B2B-Onlineshop den Außendienstmitarbeiter?

Ein B2B-Onlineshop verändert seit Jahren die Art, wie Unternehmen einkaufen. Bestellungen laufen digital, Kataloge sind jederzeit abrufbar und Preise lassen sich in Sekunden vergleichen. Viele Vertriebsleiter fragen sich deshalb, ob der klassische Außendienst dadurch überflüssig wird.

Entscheidend ist jedoch weniger die Frage nach einem Ersatz, sondern wie sich digitale und persönliche Vertriebskanäle sinnvoll ergänzen und welche Aufgaben im Rahmen einer Vertriebsstrategie für den B2B-Handel jeweils übernommen werden sollten.

Ersetzt ein B2B-Onlineshop den Außendienstmitarbeiter?
Abbildung 1: Digitale und persönliche Vertriebskanäle ergänzen sich im B2B-Geschäft. Quelle: eigene Darstellung.

Warum die Frage aktuell so oft gestellt wird

Digitale Vertriebskanäle haben in den letzten Jahren stark an Bedeutung gewonnen. Beschaffungsabteilungen erwarten heute ähnliche Standards wie im privaten Onlineshopping: schnelle Suche, transparente Preise und eine unkomplizierte Bestellung.

Gleichzeitig bleibt der Einkauf von komplexen technischen Produkten oder individuellen Lösungen oft erklärungsbedürftig, da Fachbegriffe, Normen und kundenspezifische Anforderungen häufig eine persönliche Einordnung benötigen.

Genau an diesem Punkt entsteht die Unsicherheit, ob ein Shop-System den Außendienst ersetzen kann oder ihn lediglich unterstützt. Unternehmen, die ihren B2B-Onlineshop einführen, stehen deshalb vor der Frage, wie die Aufgaben zwischen digitalem Kanal und persönlichem Vertrieb sinnvoll verteilt werden.

Was ein B2B-Onlineshop tatsächlich leisten kann

Ein B2B-Onlineshop kann verschiedene Aufgaben entlang des Bestellprozesses übernehmen und damit sowohl Kunden als auch Vertrieb entlasten.

Bestellprozesse und Produktkataloge

Ein gut aufgebauter Onlineshop bündelt Produktinformationen, Preise und Verfügbarkeiten an einem Ort. Kunden können Artikel eigenständig recherchieren, vergleichen und in den Warenkorb legen. Wiederholbestellungen lassen sich mit wenigen Klicks auslösen, ohne dass ein Telefonat oder ein Außendiensttermin notwendig ist.

Für standardisierte Produkte mit geringem Beratungsbedarf ist das ein klarer Effizienzgewinn, der sich direkt auf die Bearbeitungszeit einzelner Bestellungen auswirkt.

Verfügbarkeit rund um die Uhr

Anders als ein Außendienstmitarbeiter ist ein Onlineshop nicht an Bürozeiten gebunden. Kunden können Bestellungen abends, am Wochenende oder während einer Geschäftsreise aufgeben.

Diese Flexibilität ist besonders für internationale Kunden mit unterschiedlichen Zeitzonen relevant. Ein Außendienstmitarbeiter kann diese Erreichbarkeit allein kaum abdecken, selbst bei guter Organisation und klaren Vertretungsregeln innerhalb des Teams.

  • Rund-um-die-Uhr-Zugriff auf Produktinformationen
  • Direkte Bestellung ohne Wartezeit auf Rückmeldung
  • Einsicht in Auftragsstatus und Lieferzeiten in Echtzeit

Wo der Außendienst weiterhin unersetzlich ist

Ein B2B-Onlineshop kann vor allem standardisierte und wiederkehrende Aufgaben im Vertriebsprozess übernehmen. Besonders deutlich wird das bei den folgenden Bereichen.

Beratung bei komplexen Anforderungen

Sobald ein Produkt individuell konfiguriert, technisch beraten oder in ein größeres Projekt eingebunden werden muss, stößt ein reiner Onlineshop an seine Grenzen. Der Außendienst kann Anforderungen direkt beim Kunden aufnehmen, Alternativen vorschlagen und auf betriebliche Besonderheiten eingehen.

Diese Beratungsleistung lässt sich schwer vollständig digital abbilden, da sie Erfahrungswissen und Fingerspitzengefühl im Gespräch voraussetzt.

Beziehungsaufbau und Vertrauen

Langjährige Geschäftsbeziehungen basieren häufig auf Vertrauen, persönlichem Austausch und gegenseitigem Verständnis für Prozesse und Prioritäten. Ein Außendienstmitarbeiter kennt die Historie eines Kunden, erkennt Veränderungen im Bestellverhalten und kann frühzeitig reagieren.

Ein Onlineshop liefert Daten, aber keine Beziehung. Wie das Zusammenspiel von Außendienst und E-Commerce funktioniert, zeigt sich besonders bei Kunden mit langjähriger Zusammenarbeit und komplexen Sonderkonditionen.

Was Untersuchungen zum Kaufverhalten zeigen

Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass sich B2B-Einkäufer nicht grundsätzlich zwischen digitalen und persönlichen Vertriebskanälen entscheiden. Eine McKinsey-Befragung von rund 3.500 B2B-Entscheidern zeigt vielmehr eine nahezu gleichmäßige Verteilung zwischen persönlichen Kontakten, Remote-Interaktionen und digitalen Self-Service-Kanälen entlang der Customer Journey.

Eine weitere McKinsey-Befragung mit 3.862 Entscheidern  ergab, dass bei Bestellungen und Wiederbestellungen mehr als zwei Drittel der Käufer Remote-Kontakte oder digitalen Self-Service bevorzugten. Für den Außendienst bedeutet das nicht, dass er an Bedeutung verliert. Vielmehr verlagert sich seine Rolle auf die Bereiche, in denen persönliche Beratung, individuelle Einordnung und Verhandlung tatsächlich einen Mehrwert bieten.

Was Untersuchungen zum Kaufverhalten zeigen
Abbildung: Mehr als zwei Drittel der Käufer bevorzugten den digitalen Self-Service. Quelle: McKinsey.

Der Onlineshop als Werkzeug, nicht als Ersatz

Betrachtet man beide Kanäle gemeinsam, ergibt sich ein klareres Bild. Der Onlineshop übernimmt standardisierte, wiederholbare Aufgaben und entlastet damit den Außendienst. Der Außendienst konzentriert sich dafür auf Aufgaben, die Erfahrung, Beratung und persönliche Nähe erfordern. Die folgende Übersicht fasst die typische Aufgabenteilung zusammen:

Ersetzt ein B2B-Onlineshop den Außendienstmitarbeiter?
Tabelle 1: Typische Aufgabenteilung zwischen B2B-Onlineshop und Außendienst. Quelle: eigene Darstellung.

Aus dieser Aufgabenteilung ergeben sich mehrere Vorteile:

  • Der Außendienst gewinnt Zeit für strategische Kundengespräche, da Routinebestellungen über den Shop laufen
  • Kunden erhalten schnelleren Zugriff auf Informationen, ohne auf eine Rückmeldung warten zu müssen
  • Vertriebsteams erkennen anhand von Shop-Daten frühzeitig Veränderungen im Bestellverhalten und können proaktiv reagieren
  • Neue oder kleinere Kunden lassen sich digital bedienen, ohne zusätzliche Außendienstkapazitäten aufzubauen

Wie Unternehmen beide Kanäle sinnvoll verzahnen

Damit die Aufgabenteilung in der Praxis funktioniert, braucht es eine klare Abstimmung zwischen Vertrieb, Innendienst und IT. Shop-Daten sollten dem Außendienst zugänglich sein, damit Bestellverhalten, Reklamationen oder ausbleibende Nachbestellungen frühzeitig auffallen. Ebenso wichtig ist eine klare Kommunikation an die Kunden, welche Bestellungen digital abgewickelt werden können und wann ein Ansprechpartner sinnvoll ist. Schulungen für den Außendienst zum Umgang mit Shop-Daten und Kundenanalysen tragen ebenfalls dazu bei, dass digitale und persönliche Kanäle nicht nebeneinander, sondern miteinander arbeiten.

Ein zentraler Erfolgsfaktor ist außerdem die technische Anbindung zwischen Onlineshop, CRM-System und den Werkzeugen, die der Außendienst im Kundenkontakt nutzt. Nur wenn Bestellhistorie, Ansprechpartner und offene Angebote an einer Stelle zusammenlaufen, kann der Außendienst Shop-Daten tatsächlich für seine Gespräche nutzen, statt sie separat abfragen zu müssen.

Unternehmen, die diesen Schritt konsequent umsetzen, berichten häufig von kürzeren Reaktionszeiten und einer besseren Vorbereitung auf Kundentermine, weil relevante Informationen bereits vor dem Gespräch vorliegen. Regelmäßige Abstimmungen zwischen Vertriebsleitung und E-Commerce-Team helfen zusätzlich dabei, Zuständigkeiten klar zu halten und Doppelarbeit zu vermeiden.

Häufige Missverständnisse rund um Onlineshop und Außendienst

In der Praxis führen einige Annahmen immer wieder zu unnötiger Verunsicherung im Vertriebsteam. Ein genauerer Blick zeigt, dass die meisten dieser Annahmen so pauschal nicht zutreffen:

  • "Ein Onlineshop macht den Außendienst überflüssig." Das trifft nur auf einfache Nachbestellungen zu. Beratungsintensive Produkte und individuelle Anfragen benötigen weiterhin persönlichen Kontakt.
  • "Kunden, die online bestellen, wollen keinen Außendienstkontakt mehr." Untersuchungen zum Kaufverhalten zeigen eher das Gegenteil: Selbstständige Recherche und persönliche Beratung schließen sich nicht aus, sondern ergänzen sich zu unterschiedlichen Zeitpunkten im Kaufprozess.
  • "Ein Onlineshop lohnt sich nur für große Unternehmen." Gerade kleinere und mittelständische Betriebe profitieren davon, weil Routineaufgaben automatisiert werden und der Außendienst dadurch mehr Zeit für wertschöpfende Gespräche gewinnt.
  • "Digitale Kanäle und Außendienst konkurrieren um dieselben Kunden." In der Praxis bedienen beide Kanäle unterschiedliche Bedürfnisse innerhalb derselben Kundenbeziehung, nicht unterschiedliche Kundengruppen.

Diese Missverständnisse entstehen häufig, weil Digitalisierung im Vertrieb fälschlicherweise als Nullsummenspiel verstanden wird: Was der Onlineshop übernimmt, geht dem Außendienst angeblich verloren. Tatsächlich verschiebt sich lediglich der Schwerpunkt der Außendiensttätigkeit von administrativen Routineaufgaben hin zu Beratung, Verhandlung und langfristiger Kundenentwicklung.

Praxisbeispiel: Onlineshop und Außendienst im Zusammenspiel

In vielen mittelständischen Industrieunternehmen zeigt sich ein wiederkehrendes Muster: Bestandskunden nutzen den Onlineshop für Nachbestellungen von bekannten Artikeln, während neue Projekte, Sonderanfertigungen oder Preisverhandlungen weiterhin über den Außendienst laufen.

Der Innendienst greift dabei häufig als Bindeglied zwischen beiden Kanälen auf, indem er Bestelldaten aus dem Shop für die Vorbereitung von Kundengesprächen nutzt. So entsteht eine Struktur, in der digitale und persönliche Kanäle sich ergänzen, statt sich zu ersetzen. Kunden profitieren gleichzeitig von schnellen Standardprozessen und einem festen Ansprechpartner für alles, was über eine einfache Bestellung hinausgeht.

Ein typisches Beispiel aus der Praxis: Ein Kunde bestellt regelmäßig Standardersatzteile über den Onlineshop. Der zuständige Außendienstmitarbeiter sieht anhand der Shop-Daten, dass die Bestellmenge eines bestimmten Artikels seit einigen Monaten steigt. Statt selbst eine Routinebestellung entgegenzunehmen, nutzt er diese Information für ein gezieltes Gespräch, in dem er auf ein mögliches Kapazitätsproblem beim Kunden hinweist und eine passende Lösung vorschlägt.

Der Onlineshop liefert in diesem Fall die Daten, der Außendienst liefert die Einordnung und die Beratung. Genau diese Kombination macht den Unterschied zwischen einem reinen Bestellkanal und einem strategisch genutzten Vertriebswerkzeug aus.

Fazit

Ein B2B-Onlineshop ersetzt den Außendienstmitarbeiter nicht. Er verändert jedoch, welche Aufgaben der Außendienst übernimmt. Standardisierte Bestellungen, Produktrecherche und einfache Nachbestellungen lassen sich digital abwickeln, wodurch der Außendienst von Routineaufgaben entlastet wird. Komplexe Beratung, Vertrauensaufbau und langfristige Kundenbeziehungen bleiben dagegen fest in der Verantwortung des persönlichen Kontakts.

Für Unternehmen bedeutet das: Ein Onlineshop sollte nicht als Konkurrenz zum Außendienst verstanden werden, sondern als Werkzeug, das ihn sinnvoll ergänzt. Wer beide Kanäle strategisch miteinander verzahnt, profitiert von den Stärken beider Welten: Effizienz und Verfügbarkeit auf der einen Seite, persönliche Beratung und Vertrauen auf der anderen Seite.

Entscheidend ist dabei weniger die Frage, welcher Kanal langfristig gewinnt, sondern wie klar Zuständigkeiten, Datenflüsse und Zuständigkeiten zwischen digitalem Vertrieb und Außendienst organisiert sind. Unternehmen, die diese Verzahnung frühzeitig planen, vermeiden Reibungsverluste und schaffen eine Grundlage, auf der beide Kanäle langfristig zusammenarbeiten können. Die Antwort auf die eingangs gestellte Frage lautet daher klar: Nein, ein B2B-Onlineshop ersetzt den Außendienst nicht, er macht ihn effektiver.