Der E-Commerce-Agenturmarkt ist groß, heterogen und schwer zu durchschauen. Agenturen unterscheiden sich nicht nur in ihrer Plattformexpertise, sondern vor allem in ihrer Arbeitsweise, ihrer Teamstruktur und darin, welche Art von Projekten sie wirklich beherrschen. Zudem bieten mittlerweile selbst große Beratungshäuser die Implementierung von E-Commerce Plattformen an. Es ist also nicht nur die Agentur, welche die Leistung erbringt, sondern ein Kosmos von Dienstleistern. Das grundlegende Problem dabei ist, dass diese Unterschiede von außen kaum sichtbar sind, weil jede Agentur im Pitch ihr Bestes zeigt und nicht ihr Alltägliches.
Setzt man bei einem E-Commerce-Projekt auf die falsche Agentur, kann Folgendes passieren:
- Agenturen, die z.B. primär auf Wasserfall-Methodik setzen, liefern in komplexen E-Commerce-Projekten zu spät und zu teuer, weil Anforderungsänderungen im Projektverlauf nicht flexibel aufgefangen werden können und stattdessen als kostenpflichtige Änderungsanfragen verrechnet werden.
- Agenturen, deren Tagessätze für Ihr Projektvolumen überdimensioniert sind, belasten Ihr Budget mit Overhead-Kosten, die nichts mit der eigentlichen Leistung für Ihr Projekt zu tun haben.
Die meisten Fehlentscheidungen bei der E-Commerce Agenturauswahl entstehen nicht durch Pech, sondern durch einen mangelhaften Auswahlprozess. Oder durch den Verlass auf Empfehlungen. Wer Angebote einholt, ohne vorher klare Anforderungen definiert zu haben, bekommt Zahlen, die nichts aussagen, und trifft eine Entscheidung auf unsicherer Grundlage.
Was dabei typischerweise schieflgeht:
- Angebote basieren auf unterschiedlichen Annahmen, sodass der günstigste Preis und die beste Leistung nichts miteinander zu tun haben.
- Kostensätze werden nicht offen kommuniziert, aber in Stundenkalkulationen versteckt, die erst im Projektverlauf sichtbar werden.
- Die Vorgehensweise der Agentur passt nicht zu Ihrem Unternehmen, Ihrer Kultur oder Ihren internen Prozessen, was die Zusammenarbeit von Beginn an belastet.
- Niemand hat vorab geprüft, ob die Agentur Ihre Branche, Ihre Systemlandschaft und Ihre spezifischen Geschäftsprozesse wirklich verstanden hat.
Die Auswahl eines Implementierungspartners für die nächsten Jahre wird im Mittelstand häufig schneller getroffen, als die Buchung eines Jahresurlaubs. Doch bei einer falschen Entscheidung können horrende Kosten und weiterführende Probleme die Konsequenz sein.
Eine E-Commerce Agentur zu bewerten erfordert mehr als das Lesen von Referenzlisten und das Vergleichen von Stundensätzen. Entscheidend ist, ob die Agentur methodisch, fachlich und kulturell zu Ihrem Vorhaben passt und ob sie die Erfahrung mitbringt, Projekte Ihrer Komplexität wirklich sicher umzusetzen.
Für jedes ernstzunehmende E-Commerce-Projekt sind folgende Kriterien nicht verhandelbar:
- Passgenaue Vorgehensweise: Ob eine Agentur agil oder im Wasserfall arbeitet, ist keine Geschmacksfrage, sondern hat direkte Auswirkungen auf Ihre Projektkosten, Ihre Liefergeschwindigkeit und Ihre Fähigkeit, auf veränderte Anforderungen zu reagieren. Die Methodik muss zu Ihrem Projekttyp passen.
- Transparente Kostenstruktur: Eine seriöse E-Commerce Agentur legt ihre Tagessätze, ihre Teamzusammensetzung und ihre Kalkulationslogik von Beginn an offen, anstatt Kosten in Pauschalangeboten zu verstecken, die erst im Projektverlauf aufgehen.
- Nachweisliche Branchenerfahrung: Referenzprojekte aus Ihrer Branche und mit vergleichbarer technischer Komplexität sind aussagekräftiger als allgemeine Kompetenzversprechen, weil sie zeigen, ob die Agentur die spezifischen Herausforderungen Ihres Marktes aus eigener Erfahrung kennt.
- Realistische Projektplanung: Agenturen, die im Pitch ausschließlich Erfolgsgeschichten erzählen und auf Risiken und Herausforderungen nicht eingehen, liefern in der Praxis häufig nicht das, was im Angebot versprochen wurde.
Warum der Auswahlprozess mehr entscheidet als die Agentur selbst
Viele Unternehmen investieren viel Zeit in Gespräche mit Agenturen, aber zu wenig Zeit in die Vorbereitung dieser Gespräche. Ohne ein sauberes Anforderungsprofil vergleichen Sie Angebote, die auf völlig unterschiedlichen Grundlagen basieren, und eine fundierte Entscheidung ist schlicht nicht möglich.
Agentur A kalkuliert 120.000 Euro, Agentur B 350.000 Euro für scheinbar dasselbe Projekt. Ohne strukturierte Ausschreibungsgrundlage wissen Sie nicht, wer die Situation realistisch eingeschätzt hat.
- Das günstigere Angebot hat möglicherweise wesentliche Komplexitäten Ihrer Systemintegration, Ihrer Preislogiken oder Ihrer individuellen Prozesse nicht berücksichtigt, sodass Nachforderungen im Projektverlauf vorprogrammiert sind.
- Das teurere Angebot plant Ressourcen und Leistungsumfänge ein, die für Ihr konkretes Vorhaben schlicht nicht notwendig sind und Ihr Budget ohne entsprechenden Gegenwert belasten.
Wer ohne methodischen Auswahlprozess entscheidet, trifft in der Mehrzahl der Fälle nicht die beste Entscheidung, sondern die am wenigsten schlechte unter unvollständigen Informationen.